LEL 2022: Christoper Weber auf seinem 1500km-Langstreckenrennen in unter 120 Stunden von London > Edinburgh > nach London

Vom 7. bis 12. August fand die diesjährige Ausgabe von LEL 2022 statt. LEL ist eine über 1500 km lange Strecke quer durch das Vereinigte Königreich zwischen den berühmten Hauptstädten Englands und Schottland. Dabei ist LEL kein Radrennen der klassischen Art mit Support-Fahrzeugen auf abgesperrten Strecken, sondern eine Ausdauerherausforderung (Audax-Event) für self-supported Radfahrer, die damit nicht nur ihre körperliche und geistige Ausdauer, sondern auch ihre Unabhängigkeit innerhalb eines knapp bemessenen Zeitlimits unter Beweis stellen.

Neben dem eindrucksvollen Trailer der Organisatoren haben wir unseren Partner Christopher Weber interviewt wie es ihm auf seiner Tour ergangen ist.

Fotos: Vor dem Start frohen Mutes – in dunkler Nacht schon zurück nach England

Christopher, was hat Dich dazu bewegt bei LEL 2022 teilzunehmen und wie schaffst Du es, Deine Trainingszeit mit Familie, Beruf und ggf. anderen Hobbies in Einklang zu bringen, um Dich auf solch ein Sportevent vorzubereiten?

LEL ist sicherlich eines der bekanntesten Ultra-Langstrecken-Events und zieht deshalb Fahrer aus aller Welt an. Ich habe Argentinier und Australier, Letten und Japaner, Malaien und US-Amerikaner, Italiener und Norweger, Inder und Südafrikaner getroffen. Die Liebe zur Herausforderung, zur Langstrecke, zu dieser besonderen Erfahrung verbindet die Teilnehmer, bei allen Unterschieden hinsichtlich der Kultur, aber auch der spezifischen Raderfahrung. Es ist für einen Malaien etwas anderes bei 6° C durch die Nacht zu fahren, als für eine Norwegerin. Es ist für eine Inderin etwas anderes durch 37° C Mittagshitze zu fahren, als für einen Norddeutschen. Auch Wind und Berge werden je nach Erfahrung anders empfunden.

Gleichzeit wird LEL von einem Verein mit Hilfe von Freiwilligen organisiert. Es ist keine Veranstaltung mit Rundum-Sorglos-Paket und entsprechender Anspruchshaltung der Teilnehmer, sondern eine freundliche, begeisterte und begeisternde Veranstaltung.

Das alles fand ich sehr anziehend. Dazu kam, dass ich vor 3 Jahren, als ich mich angemeldet habe, einigermaßen in Form gewesen bin und etwas übermütig. Tja, was seitdem passiert ist, wissen wir alle nur zu gut. Und bei allem Unheil war das ganz zuletzt auch der sportlichen Form nicht förderlich, so dass ich doch mit einiger Furcht vor der eigenen Courage an den Start gegangen bin. Denn etwas mehr „Training“ als ins Büro zu pendeln oder mal morgens um 6 Uhr eine rasche Runde oder mal eine „Weekend-Warrior“ Ausfahrt war für mich einfach nicht drin im letzten Jahr. Aber entsprechend intensiv habe ich teilweise die Wochenenden gestaltet.

Fotos: The Wolds – Fortschritte bei den Höhenmetern – englische Hochmoore

Wie bist Du mit Deinem Equipment nach England gekommen und wie verlief Dein Start?

Am Freitag ging es mit Auto und Fähre und den Rädern nach England. Anmeldung und letzte Testfahrt am Samstag, noch dreimal die Ausrüstung und die Taschen prüfen und neu packen und danach habe ich ordentlich die Beine hochgelegt und mich mit Fastfood gestärkt 😉 Gestartet sind wir dann am Sonntag ab 6 Uhr, ich hatte meinen Wunschstartplatz um 9:45 Uhr bekommen. Das fand ich gut, um ausschlafen zu können. Außerdem konnte ich so zum Start mehr Fahrer:innen überholen, als umgekehrt, was ich psychologisch hilfreich fand. Ich war unendlich erleichtert, als es endlich los ging, denn so aufgeregt wie vor dem Start kenne ich mich selbst überhaupt nicht. Ich denke, es ist einigen bekannt, wie ruhig ich sonst etwa bei Verhandlungen bin … Aber das hier war wirklich, wirklich weit außerhalb meiner Comfort-Zone.

Weil man auf der Strecke jederzeit in der Lage sein muss, sich selbst zu helfen, ist ordentlich Gehirnschmalz in die Ausrüstung geflossen. Beispielsweise hatte ich Werkzeug, Ersatzteile, Ersatzrücklichter, eine selbstgelötete Ladestation für den Dynamo, einen Rettungsbiwaksack, Sportkopfhörer und ca. 45 andere Sachen dabei.

Fotos: 48h/750km – Hi there! – Sprint durch ein Dorf

1500 km sind eine lange Strecke. Wie ist es Dir auf der Tour ergangen und wie hast Du die einzelnen Streckenetappen bewältigt?

Ich wollte mir am Anfang ein schönes Zeitpolster erfahren, um den Druck aus dem Zeitlimit zu nehmen. Deshalb habe in der ersten Etappe über 360 km und nach kurzem Schlaf innerhalb in der ersten 24 Stunden gut 420 km abgeliefert. Ab da wurde es sehr, sehr hügelig. Es ging durch Hochmoore, The Wolds und durch die Northern Pennines, ein Mittelgebirge, und dann auch schon nach Schottland, in die sogenannten Lowlands. So low fand ich die aber nicht. Nach weiteren 2 Stunden Schlaf und insgesamt 48 Stunden und ca. 750 km waren dann schon die ikonischen Brücken über den Firth of Forth hinter Edinburgh in Sicht!

Hinter Edinburgh lag der Streckenwendepunkt. Von dort ging es mitten durch das schöne, aber sehr geschäftige Edinburgh wieder in die Berge und zurück nach England, wo ich am Mittwochmorgen gegen 3 Uhr wieder einen Kontrollpunkt erreichte. Der war jedoch sehr überfüllt, so dass mir nur draußen ein Schlafplatz blieb.  Durchgeschwitzt bei ein paar Grad und mit zwei Decken hat mir das nicht gereicht, so dass ich etwas unterkühlt aufgestanden bin und mich nach 2 Stunden wieder auf den Weg machte. Nach 3 Stunden in der ersten Nacht und 2 Stunden in der zweiten Nacht war das dann doch etwas wenig Schlaf und ich musste mich mehrmals neben der Wegstrecke auf einer Wiese ausruhen. In den Bereich fielen auch die wohl anstrengendsten Etappen der Tour, galt es doch steile Anstiege durch die Northern Pennines und dann auch noch durch die Howardian Hills zu bewältigen. Schieben wäre sicherlich schlauer gewesen, aber man ist ja Radfahrer.

Jedenfalls hatte ich mir bis dahin ein sehr komfortables Zeitpolster erfahren und konnte auf den Modus „genießen“ umschalten. Von da an habe ich an absolut jeder Streckenkontrolle so viel gegessen, wie ich konnte, meistens zwei Hauptgerichte und Nachtisch. Alle ungefähr 200 km habe ich mich auch für ca. 2 Stunden antizyklisch in einen Schlafsaal gelegt, so dass ich durch Schnarcher nicht gestört wurde. So kam ich gut und stetig voran und das Zeitlimit war nie wirklich in Gefahr. Es kamen allerdings die üblichen Langstrecken Wehwehchen dazu. Klar, die Sitzfläche und die Hände und auch mal die Füße, oder die Knie, oder eine Schulter oder der Magen. Irgendwas ist ja immer. Vor allem die Hände haben einiges abbekommen auf den schottischen Buckelpisten. Da war es doch sehr schwierig den Reifen zu wechseln, bei der ersten Panne. Es wurde nicht leichter bei der zweiten Panne. Aber abgesehen davon bin ich von sämtlichen technischen Schwierigkeiten verschont geblieben.

Angetan bin ich von der elektronischen Schaltung, ohne meine Hände noch mehr zu tun gehabt hätten. Außerdem ist die Batterie nach über 1.500 km noch mehr als halb voll. Und geschaltet wurde auf der Strecke mit über 14.500 Höhenmetern natürlich ganz ordentlich.

Gegen Ende der Tour kam noch mal richtig, richtig Spaß auf. Sowohl in den The Fens (einer flachen, windanfälligen Gegend mit Wiesen, Kanälen und Windmühlen), als auch um Cambridge herum und Richtung Ziel war es entweder flach oder nur gerade so wellig, dass es fordernd war, aber ohne weitere zweistellige Steigungen. Mit einer letzten, mit 3,5 Stunden sehr ausführlichen Schlafpause im Rücken, habe ich dann am letzten Morgen die letzten 110 km in Angriff genommen und dabei auch einen vernünftigen Schnitt abgeliefert. Auf den letzten 50 km wird man ohnehin von der Euphorie getragen und so kam ich mit einem großen Grinsen und sprintend im Ziel an.

Foto: Alle Kontrollen abgestempelt!

LEL 2022 ist sicherlich ein großer Test für geistige und körperliche Belastbarkeit, bei der man Fähigkeiten und Erfahrungen einsetzen muss. Alle Achtung und herzlichen Glückwunsch Christopher, Du hast es geschafft! Was ging Dir im Ziel durch den Kopf und hast Du Dich mittlerweile von den Strapazen erholt?

Ich war vorher nicht davon ausgegangen, es unbedingt zu schaffen. Dafür kann auf so einer langen Fahrt einfach viel zu viel schiefgehen, was man selbst nicht unter Kontrolle hat. Auch war fraglich, wie man mit dem Schlafmangel zurechtkommt. Und meine längste Strecke vorher war nicht einmal ein Drittel so lang. Und schließlich schafft es ja gerade mal die Hälfte der Teilnehmer innerhalb des Zeitlimits ins Ziel und das sind ja auch alles keine Anfänger.

Die Zweifel waren alle wie weggeblasen, als es einmal losging. Von da an hatte ich nicht eine Sekunde Zweifel, ob ich es schaffe. Ich habe mit allem was ich habe so fest an den Erfolg geglaubt, dass es sich wie sicheres Wissen anfühlte. So bin ich auch trotz des Schlafmangels und der Anstrengung nie in mentale Schwierigkeiten geraten, habe nie Zugverbindungen rausgesucht oder gehadert, sondern immer nur an den nächsten Schritt gedacht. Ich glaube, diese subjektive Komponente hat es mir im Endeffekt objektiv leichter gemacht. Und körperlich kann man es mit den unsterblichen Worten der Legende Jens Voigt sagen: „Shut up, legs!“ Nur, dass das irgendwann nicht mehr ausreichte, sondern noch ein paar Körperteile mehr aufgezählt werden mussten, haha.

Foto: Christopher Weber nach 119 Stunden, 1.540 km, 14.500 Höhenmetern und 30 Minuten nach Zielankunft. (Photo Credit Charlotte Barnes, https://www.charlottebarnes.co.uk/lel2022hardriders)

Im Ziel war ich nicht stolz oder erleichtert oder sonst irgendetwas was man so spezifisch in Wort fassen könnte. Einfach nur unfassbar glücklich. Dem Stolz steht auch entgegen, dass LEL als Herausforderung einem doch eine ordentliche Portion Demut lehrt. Erholt habe ich mich erstaunlich schnell. Im Wesentlichen habe ich Schlaf nachgeholt.

Nicht geschafft hätte ich es ohne die vielen aufmunternden und witzigen Nachrichten von Familie, Freunden und Kollegen aus der Heimat und die Freundlichkeit von Fremden, sei es durch ihre Hilfe beim Reifenwechsel oder einfach mal sich nett unterhalten bei einer Nachtetappe, die sich hinzog wie Kaugummi. Es gab viele absolut faszinierende Dinge und Geschehnisse, sowohl in der Natur als auch rein menschlich. Ich werde sicher sehr lange an diese Erfahrung zurückdenken.

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